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Es gibt Sachen, die gibt's nicht.
Und es gibt Menschen, die gibt's erst recht
nicht. Man kann so jemanden ein paradoxes Phänomen nennen. Den Kerl
gibt es: Paradox, phänomenal, pluralistisch und doch plausibel -
Bernhard Ludwig.
Er ist als Medizinstudent gescheitert, hat das Psychologie-Studium nie
abgeschlossen, seine Dissertation nie abgegeben, trägt statt eines
Titels stets eine heitere Miene mit sich herum, veranstaltet seit zwei
Jahrzehnten Seminare zu den Themen Herzinfarkt, Diätwahnsinn und
Sexuelle Unzufriedenheit. Dies aber nicht in irgendwelchen sektiererischen
Hinterstübchen: Er arbeitete jahrelang im Kurzentrum Bad Tatzmannsdorf,
ist auf internationalen Ärztekongressen genauso zu Hause wie in einschlägigen
Schulungszentren, und - er füllt mit eben diesen Themen Theater-
und Kabarettsäle jeder beliebigen Größe. Er ist der Erfinder
des Seminar-Kabaretts, der Ausdruck "bunter Hund" ist eine blasse
Annäherung an diese pralle Persönlichkeit, die von den Medien
trotz all dieser Tatsachen höchstens am Rand wahrgenommen wird.
Für die Wissenschaftler ist er ein Kabarettist, dessen Erfolg sie
mit großem Staunen registrieren. Für die Journalisten ist er
ein Kabarettist, der - "derf man dös überhaupt?" -
nichts anderes als Gruppentherapie zu den Themen Herz-Kreislauf, Diät
und Sex macht, über den sie sehr gerne und sehr laut lachen, offensichtlich
aber nicht gerne schreiben. Für Cineasten schließlich ist er
auch ein Phänomen: Sein erster Film, der nichts anderes zeigt als
den 90 Minuten lang redenden Bernhard Ludwig, wurde bei einer wissenschaftlich
ausgewerteten Film-Konkurrenz von 300 Filmen auf den 8. Platz gereiht.
Er steht auf der Bühne und sitzt zwischen den Stühlen. Es ist
für Bernhard Ludwig überhaupt keine Problem, ohne mediale Unterstützung,
also vor allem auf der Basis der Mundpropaganda, Räume mit 2000 Sesseln
zu füllen - er selbst jedoch sitzt, was seine Wahrnehmung durch die
Presse angeht - meist zwischen den Stühlen. Einer der Gründe
liegt auf der Hand: Man kann diesen Wanderer zwischen den Welten Wissenschaft
und Kabarett einfach nicht hinlänglich beschreiben. Man muss ihn
gesehen haben. Ein Abend sagt mehr als 1000 Seiten beschreiben können.
Und er hat bereits viele Seiten beschrieben. Die "Anleitung zum Herzinfarkt"
und die "Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit" liegen als
Buch vor, die "Anleitung zum Diätwahnsinn" wird noch in
diesem Herbst erscheinen.
Wie wird man ein paradoxes Phänomen?
Wer nun fragen sollte, wie man zu einem paradoxen Phänomen wird,
dem kann geholfen werden. Er soll's so machen, wie Bernhard Ludwig: Er
wurde als Sohn eines Arztes vor 54 Jahren in Steyr geboren, bekam den
Stress eines Arzthaushaltes mit, wollte sich aber bereits mit sechs Jahren
an der Universität Innsbruck als Medizinstudent anmelden lassen,
begann nach der Matura auch brav als stud.med., ist aber - wie er sagt
- "Gottseidank gescheitert, begann dann Psychologie zu studieren,
hatte schon sehr früh die Idee, die Werkzeuge der Psychologie und
Psychotherapie an den Endverbraucher zu vermitteln, also den Patienten
zu lehren, wie er sich selbst am besten betreuen kann. Als sein Vater
nach einem Herzinfarkt in Bad Tatzmannsdorf landete, beeindruckten ihn
der Einsatz der Apparate- und Wissenschaftsmedizin und seine Überzeugung,
dass dies nicht der richtige Weg zur Rehabilitation sei. Für den
Jungpsychologen war schon früh klar, dass die Rehabilitation in erster
Linie eine extreme Schulung des Patienten sein muss, damit er sich nach
der Entlassung aus dem Reha-Zentrum selbst optimal betreuen kann. Also:
Hilfe zu Selbsthilfe, die zum Beispiel bereits damit beginnen soll, dass
der Patient von Anfang an unter Anleitung mitbestimmt, was er essen soll,
wie er sich bewegen kann und ähnliches. Der Kranke soll zum Experten
für die eigene Krankheit gemacht werden. Weg von Verboten und Anordnungen,
hin zur "teaching self control". Zusatzausbildungen in England
und den USA folgten, seine Kurse wurden immer erfolgreicher, er schrieb
sein erstes Buch "Anleitung zum Herzinfarkt" und überschritt
irgendwann völlig unbewusst die unsichtbare Grenze zwischen Therapie
und Entertainment. Wieder muss man festhalten: Wer ihn erlebt, kann es
sich sehr gut vorstellen, dass bei seinen therapeutischen Veranstaltungen
in Rehabilitationszentren oft, herzlich und laut gelacht wurde.
Wie man eine Marktlücke findet und ausfüllt
"Eine Marktlücke hat mich gefunden", sagt Bernhard Ludwig
heute lachend und freut sich darüber, dass seine Erfindung "Seminarkabarett"
inzwischen als Marke geschützt ist. Kein Wunder: Seit mehr als zehn
Jahren zieht er herum, spricht über Herzinfarkt, Sexualprobleme und
Diätsorgen, bringt die Leute zwei Stunden zum Lachen und füllt
sie dabei mit absolut seriösen Erkenntnissen über die mannigfachen
Möglichkeiten, sich selbst zu helfen.
Ob er seine Show im "Vindobona", im "Gaskessel" oder
im Großen Saal des Wiener Konzerthauses präsentiert - alle
Abende sind ausverkauft. Er spricht immer frei, hat keinen festen Text,
"weil ich den gar nicht auswendig lernen könnte", spielt
mit dem Publikum, das er im Sex-Programm nach der Pause tatsächlich
aufteilt: links sitzen die Männer, rechts die Frauen, die Partner
dürfen nicht beisammen sitzen, weil sie sonst auf durchaus sehr intime
Fragen wohl nicht ehrlich antworten würden. Übrigens: Die Antworten
werden durch lautes oder leises Summen gebeben - wie gesagt, das muss
man miterleben, sich diese Art von Seminar vorzustellen, funktioniert
einfach nicht.
Die Fragen allerdings, die sind auch für einen alten Kabartt-Hasen
mehr als überraschend:
Bernmhard Ludwig stellt Fragen, die man nicht anders als "total intim"
nennen kann. Er fragt nach der Orgasmushäufigkeit - und die Leute
lachen. Er fragt nach persönlichem sexuellen Versagen - und die Leute
lachen. Er fragt danach, wie es jeder einzelne mit der Selbstbefriedigung
hält - und die Leute lachen. Er fragt nach der jeweiligen persönlichen
Erfüllung sexueller Wünsche - und die Leute lachen. Wenn es
allerdings nur auf das laute Lachen ankäme, das während des
ganzen Seminarkabaretts aus dem Publikum emporschäumt, dann gäbe
es dieses Programm längst nicht mehr. Hinter dem lauten
Lachen gibt es bei jedem Zuhörer, bei jeder Zuhörerin die persönliche
Betroffenheit, die Erkenntnis: Verdammt, der meint ja mich, ja, genau
hier liegt mein persönliches Problem, genau darüber habe ich
noch nie gesprochen, genau an diesem Punkt muss ich selber ansetzen. Wahrscheinlich
liegt eben darin der große, anhaltende, nachhaltige Erfolg des psychologischen
Rattenfängers Bernhard Ludwig, die Tateinheit von seriöser Analyse,
seriöser Therapie und heiterster, entspanntester Präsentation.
Wenn es nicht so leicht mißzuverstehen wäre, könnte man
ihn einen "Ringel zum Lachen" nennen.
Wie man aus einem Ludwig fünf oder sechs macht
Inzwischen gibt es Bernhard Ludwigs, die anders heißen und anders
reden, sein Seminarkabarett vergibt er als Lizenz an geeignete "Interpreten",
die in anderen Ländern mit dem gleichen Programm auftreten. Er selbst
spielte in Deutschland, der Schweiz, Frankreich, in Holland vor Theaterdirektoren
in englischer Sprache. Im kommenden Jahr wird es bereits fünf Interpreten
geben, die unter Bernhard Ludwigs Anleitung in Dänemark, Holland,
Schweden und Irland Seminarkabarett spielen.
Manchem Zeitgenossen sagt man nach, er sei ein Tausendsassa. Bernhard
Ludwig ist tatsächlich einer, eigentlich hätte er nicht sein
"Seminarkabarett" markenrechtlich schützen lassen sollen,
er selbst ist eine durch und durch paradoxe, phänomenale Marke, die
allerdings keinen Schutz braucht: So einen Kerl, den gibt's nur einmal.
Prof. Dr. Theo Schäfer
Josefsteig 88
A-3400 Klosterneuburg
Tel +43/2243 38844, Fax +43/2243/38282
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