Therapie mit Sprechblase
Nach Kabarett, Buch, CD, DVD und Kinofilm geht Kabarettist und Therapeut Bernhard Ludwig den nächsten logischen Schritt und bringt sein Programm "Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit" nun auch als Comic heraus - und das gleich in mehreren Sprachen.
"Wenn schon, denn schon" scheint schon lange die Devise von Seminar-Kabarettist Bernhard Ludwig zu sein, und so präsentierte jüngst seinen "ersten Therapie-Comic der Welt" (Zeichnungen Tim Jost, Szenario: Günter Payr) nicht nur bei einem renommierten Buchverlag (Ueberreuter), sondern auch gleich in einer deutschen und englischen Version. Die "Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit", beziehungsweise "A Guide to Sexual Misery" bietet dabei Comic-Spaß und Lese-Unterhaltung - vor allem aber auch solide wissenschaftliche Erkenntnisse über das menschliche Sexualverhalten, leicht verständlich präsentiert und sofort persönlich anwendbar. Demnächst sind auch noch weitere Sprachausgaben geplant - und es gibt Kostproben des Werkes (neben deutschen und englischen Seiten) sogar auf Latein, allerdings vorerst nur auf der Website des Kabarett-Professors Ludwig www.seminarkabarett.com

In Sachen Comics ist der 57-jährige im übrigen ein Spätberufener. Abgesehen von Kindheitslektüre hatte der Vielbeschäftigte für das Medium der bunten Bilder nicht viel Zeit über, bis, ja bis ihm der Zufall Scott McClouds bahnbrechendes Werk "Understanding Comics" (deutsch: "Comics richtig lesen", Carlsen Verlag) in die Hände spielte. Darin beschreibt der amerikanische Comic-Zeichner und -Theoretiker ein wenig die Geschichte, vor allem aber die Wirk- und Funktionsweise der Comics. Und zwar nicht als mehr oder weniger wissenschaftliche Prosa, sondern selber als Comic gezeichnet. [siehe Kasten]

Die Lektüre dieses Buches, die darin dargelegte Vielfältigkeit des Mediums, aber vor allem auch die Präsentation der Information als Comic selbst, faszinierte den Kabarett-Therapeuten. Und er erkannte sofort die Möglichkeiten. Da er mit seinen Programmen "Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit", "Anleitung zum Herzinfarkt" und "Anleitung zum Diätwahnsinn" sein Publikum nicht nur amüsieren, sondern auch informieren, aufklären und im besten Falle sogar therapieren möchte, war ihm sofort klar, dass neben Bühne und Film auch das Medium Comic eine ausgezeichnete Transportmöglichkeit für seine Ideen und Tipps darstellte.

Es begann die Suche nach geeigneten Mitarbeitern, die dann - eher zufällig - beim Grazer Zeichner und Musiker Tim Jost und dem Kommunikationstrainer und Comic-Autor Günther Payr endeten.
Jost ist Comic-Lesern bislang vor allem durch seine Strip-Serie "Das Leben vom Franz" (2004-2005) bekannt, die auf der mittlerweile leider eingestellten Comic-Website des ORF gelaufen ist. Dort fand sich auch "Hermann", eine von Günther Payr getextete und von Helmut Kollars gezeichnete Serie. Beide sind noch im Archiv des ORF unter http://comic.orf.at abrufbar.

Nach der grundsätzlichen Einigung des Dream-Teams Ludwig-Payr-Jost machte sich Günther Payr gleich ans Werk den Text von Ludwigs Programm für das Medium Comic zu adaptieren. Jost setzte die Szenarien dann in 1000 klassischen Tusche-Bildern ohne Computer- oder andere Vervielfältigungstricks um. Beides, Text und Bild, orientieren sich eng am Vorbild von Scott McCloud. Bernhard Ludwigs Therapie-Comic begeistert auch Scott McCloud, er regt ja selbst in seinen Werken und Vorträgen die weitest mögliche Nutzung der Comics, durchaus auch nach seinem Vorbild, an.

Entstanden ist in dieser Koproduktion dreier Könner mehr oder weniger ein gezeichneter Kabarett-Abend. Bernhard Ludwig selbst ist die Hauptfigur, die sein ebenfalls gezeichnetes Publikum sowie seine Leser mit dem Comic in der Hand durch die Höhen und vor allem Tiefen menschlichen Sexualverhaltens besonders in längeren Beziehungen führt. Und längere Beziehungen beginnen bei Ludwig schon nach drei Wochen.

Es ist eine Tour-de-Force ins Land der Missverständnisse zwischen Mann und Frau, auf die uns Ludwig da mitnimmt. Wie schon in seinen, übrigens auch per "Franchising" in halb Europa gespielten Programmen, vermittelt er unterschiedliche Wünsche, unterschiedliche Sicht- und Kommunikationsweisen zwischen beiden Geschlechtern rund um die schönste Nebensache der Welt.

Wobei viele der durch zahlreiche Bühnenauftritte gewonnenen Erkenntnisse in Sachen Vermittlung der Inhalte in den Comic eingeflossen sind. Aber es werden auch eine ganze Reihe von spezifischen Möglichkeiten genutzt, die nur dieses Medium bietet, um den Damen und vor allem Herren der Schöpfung einen Spiegel vor die Nase zu halten und auf so manchen blinden Fleck aufmerksam zu machen.

Dabei ist ein Werk entstanden, das sowohl inhaltlich als auch (comic-)formal "alle Stückerln" spielt und keinen internationalen Vergleich zu scheuen braucht.
Oder um Ludwig zu paraphrasieren: "100% Kabarett, 100% Therapie, 100% Comic".

Vom Comic-Floh gebissen liest Ludwig übrigens seit seinem eigenen Engagement in Sachen "Neunter Kunst", wie die Comics vor allem im frankobelgischen Raum auch genannt werden, eifrig Sekundäres und Primäres (sprich Comic-Alben) nach und plant - restlos überzeugt von dieser Möglichkeit der seriösen und doch humorvollen Vermittlung - bereits die Umsetzung seiner anderen Programme in Comic-Form - sowie die Eroberung einer weltweiten Leserschaft.

Das Buch:
"Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit"
Seminarkabarett-Comic
Text: Bernhard Ludwig
Adaption: Güther Payr
Zeichner: Tim Jost
20 x 28,5 cm; 80 Seiten
EUR: 14,95 CHF: 26,90
ISBN: 3-8000-7157-6


Bio Bernhard Ludwig
Bernhard Ludwig, Jahrgang 1948, ist Psychologe und leitet seit mehr als 20 Jahren Seminare mit verhaltenstherapeutischen Änderungsprogrammen für Risikopatienten. Die Programme wurden vor allem in der Rehabilitation und auch Prophylaxe von Herzinfarkt-, Bluthochdruck- und Übergewicht-Patienten entwickelt und erprobt. Er leitet Fortbildungskurse für praktische Ärzte und Internisten im ganzen deutschen Sprachraum.
Ludwig leitete eine internationale Biofeedback-Schule in Wien für alle Heilberufe und führt Beratungen von Kurorten, Firmen und Institutionen durch.
Durch den humoristischen Ansatz in seinen Programmen wagte Ludwig Ende 1992 am Phönix-Theater in Linz erstmals, ein Seminar als Kabarettprogramm aufzuziehen, der Begriff "Seminarkabarett" - Kabarett mit wissenschaftlichem Background - wurde geprägt. Im September 1999 erhielt Bernhard Ludwig den zum ersten Mal (vom Wiener Kabarettlokal Vindobona) vergebenen Österreichischen Kabarettpreis "Karl 99".
Das Programm "Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit" gibt es auch in einer Kinofassung, dieser "1. interaktive Film" ist immer wieder in heimischen Kinos zu sehen und hat im August 2002 seine Deutschland-Premiere.
www.semiarkabarett.com


Bio Tim Jost
Ausbildung
Medientechnik und -Design,
FH Hagenberg (1998-2002)
Joberfahrung
seit Juli 2002: Screendesign für bestHeads.com, Wien
2002: Pixelwings, Wien
2001: world-direct.com, Innsbruck + Corpus Christi, Texas
2000: Publique, Wien
Milestones
- Comic-Buch "Bernhard Ludwig - Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit" gemeinsam mit Günther Payr, im Auftrag von Bernhard Ludwig. Erschienen auf Deutsch und Englisch bei Ueberreuter, 2005
- Gründung des online Grußkarten-Service DuSchwein.com gemeinsam mit Helmut Kollars, 2005
- Wöchentlicher Online Comic "Das Leben vom Franz" für ORF ON, 2004-2005, weitergeführt auf www.daslebenvomfranz.com
- Kreation des Maskottchen und der Website Roby - der Stadtbaumeister für die Grazer Baufirma F.Robier, 2004
- Illustrationen für das Wiener Lifestyle-Magazin "The Gap", 2003
- Wöchentlicher Online-Cartoon "Paierls Wunderbare Welt der Wirtschaft" (Auftraggeber: Landesregierung Steiermark), 1998-1999


Bio Günther Payr
Günther Payr,geboren 1968 in Wien
Nach vielen Jahren Vertriebstätigkeit Ausbildung zum Kommunikationstrainer.
Erfindung der Cartoonfigur Hermann, die 3 Jahre lang auf orf.at im Comic-Channel erscheint.
Adaption des Seminarkabaretts "Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit" von Bernhard Ludwig zu einem Comicbuch mit Tim Jost als Zeichner.
Ausbildung zum Drehbuchautor.


"Comics richtig lesen" von Scott McCloud
Comics - was ist das eigentlich? Auf den ersten Blick scheint die Antwort simpel: Comics, so weiß der kluge Bildungsbürger, sind jene etwas über 100jährige Medienform, die aus den Witzbildern amerikanischer Tageszeitungen hervorgegangen ist, und sich hauptsächlich durch in Sequenzen angeordnete Bilder mit integriertem Text, meist in Form von Sprechblasen, auszeichnet. Wer obiges - zumal im deutschsprachigen Raum - ohne Atempause über die lange Zeit als Schund geschmähte "Neunte Kunst" sagen kann, weiß eigentlich schon viel.
Und doch ist diese Minimaldefinition noch meilenweit von der Wahrheit entfernt. Ja, selbst Comic-Experten, welche die gesamte Genese von Little Nemo und Micky Maus über Super- und Batman bis Asterix und Ralf König herunterbeten können, wissen zumeist nicht sehr viel über das, was da so auf einer Comic-Seite, und insbesondere zwischen den Bildern, wirklich vor sich geht.
Doch Mitte der 1990er Jahre machte sich ein Mann, rund hundert Jahre nach dem Entstehen des Genres, daran, zumindest einen Zipfel dieser Geheimnisse zu lüpfen. Denn, im Gegensatz zum gleichaltrigen Medium Film, über dessen Mechanik, Funktion und Weltbeschreibung schon Bibliotheken gefüllt wurden, weiß die Welt über den tatsächlichen Lesevorgang beim Betrachten von Lucky Luke und Co. noch ausgesprochen wenig.
Der Mann heißt Scott McCloud, seines Zeichens Comic-Zeichner und -Autor von auf deutsch kaum publizierter Serien, sein Buch betitelte sich "Comics richtig lesen" (Carlsen, 1994; im Original besser: "Understanding Comics"), und was er darin so zwischen Wahrnehmungspsychologie und Kunsttheorie zutage fördert, war wahrhaft erstaunlich: etwa, dass die Gesetze der Zeit im Comic ganz anders funktionieren als in jedem anderen Medium; dass die Vereinfachung der Karikatur eine nähere, wesentlich intimere Identifikation des Lesers ermöglicht, ja, erzwingt als etwa eine realistische Darstellung; dass die "bewegte" Aktion in den Comics hauptsächlich zwischen den Bildrahmen (und im Kopf des Betrachters) stattfindet, und vieles andere mehr. Nebenbei entwickelt McCloud auch noch ein neues, sechsstufiges Modell der Definition von Kunst.
Das alles in einem über 200seitigen Buch, das - selbst ein Comic ist. McCloud erläutert seine Erkenntnisse über die Machinationen innerhalb der zweidimensionalen Papierwelt nicht nur auf das faszinierendste - er zeigt sie gleich auch in einem eins-zu-eins-Modell vor: Parliert McCloud über wechselnde Hintergründe in Comics, wechseln die Hintergründe in den dargestellten Panels, spricht er von Farbe, wird die Seite bunt.
Die Zeichnungen bleiben dabei stets simpel figurativ, also cartoonhaft, um auch für Nicht-Comic-Indsider lesbar zu bleiben. Die alte Berührungsangst greift - ähnlich wie bei Art Spiegelmans "MAUS" - auch in diesem Fall also nicht: wer Snoopy oder Calvin und Hobbes lesen kann, der kann auch McClouds Buch lesen (und übrigens auch die "Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit"). Und sollte das auch tun, wenn er oder sie auch nur das geringste Interesse an Psychologie, Philosophie, Kunsttheorie, Literatur, Film - oder eben einfach Comics erübrigt.